Die Geschichte der Bienen von Maja Lunde

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Drei Zeiten. Drei Welten. Drei Leben. Und ihr Schicksal ist mit dem der Bienen eng verwoben.

In dieser Review möchte ich dir „Die Geschichte der Bienen“ von Maja Lunde vorstellen. Der Roman ist zwar bereits vor vier Jahren in Deutschland erschienen (2015 in Norwegen), hat aber erst jetzt zu mir gefunden. (Vermutlich, weil ich sehr skeptisch gegenüber allem bin, was gehypt wird und es eher meide.)

Cover von Die Geschichte der Bienen Autorin: Maja Lunde

Über das Leben mit Bienen

Maja Lunde erzählt in ihrem Buch von drei Leben, die auf die ein oder andere Weise mit den Bienen verbunden sind. Ganz bewusst beginnt sie mit der Zukunft – Sichuan 2098 – in der eine junge Mutter die Blüten eines Obstbaumes per Hand bestäuben muss. Dieser Einstieg wirft sofort die Frage auf, was zum Aussterben der Bienen geführt hat. Um diese Frage zu beantworten, reisen die Lesenden nach England in das Jahr 1852 zurück. Nach einer depressiven Phase, findet der Forscher William neue Motivation bei der Konzeption einer neuartigen Beute (einem von Menschen erbautem Bienenstock). Der Imker George steht zwischen diese beiden Zeiten. Im USA des Jahres 2007 hält er immer noch an der Handwerkstradition fest, seine Beuten selbst zu bauen. Doch trotz der Liebe und Pflege, die er seinen Bienen schenkt, sind auch sie nicht vor dem vermehrten Bienensterben sicher.

Alle drei Perspektiven werden von einem Ich-Erzähler im Präteritum erzählt. Aber dank der, den Kapitel voranstehenden Namen, die auch in der Fußzeile jeder Seite stehen, besteht zu keinem Zeitpunkt die Gefahr, durcheinander zu kommen. Zudem unterscheidet sich der Schreibstil der drei Erzählstränge. Tao berichtet in einer klare Sprache, verwendet oftmals kürzere beschreibende Sätze, um die Kargheit des zukünftigen Lebensstils zu unterstreichen. William nutzt dem 19. Jahrhundert und seinem Wissenstand angepasste Sprache. Sie zeichnet sich durch ausführlichere Beschreibungen und gehobenere Formulierungen aus. Am ehesten unserem heutigen Sprachstil angelehnt sind die Kapitel aus der Perspektive von George. Er spricht gerade heraus, wirkt manchmal ein wenig grantig. Aber auch hinter seinem Panzer verbirgt sich ein weicher Kern. Durch die Dreiteilung und die unterschiedlichen Spannungskurven geht das Interesse an dem Buch nie verloren. Wenn einer der Handlungsstränge für den Moment etwas ruhiger verläuft, nähert sich ein anderer gerade einem entscheidenden Plotpunkt.

Eine Geschichte vom Zähmen und der Freiheit

Am Ende nennt die Autorin nicht einen expliziten Grund, der zum Verschwinden der Bienen geführt haben könnte. Und doch gibt es etwas, das sich aus allen drei Handlungssträngen herauslesen lässt, das gewissermaßen die Prämisse des gesamten Romans ist. Auffällig ist die Darstellung der Eltern-Sohn-Beziehungen. (Ja, es geht hauptsächlich um die Söhne. Vielleicht auch, um die Gemeinsamkeiten der drei Stränge zu verdeutlichen.) Tao versucht, ihren Sohn zu unterrichten, damit er eine bessere Zukunft vor sich hat. William ringt mit allen Mitteln um die Aufmerksamkeit seines ältesten Kindes, seinem Sohn, und verliert dabei seine Töchter aus den Augen – allen voran Charlotte, die seine Leidenschaft zu den Bienen teilt. Und George kann nicht verstehen, wieso sein Sohn unbedingt Schreiben möchte, statt die Bienen und den Familienbetrieb zu übernehmen.

Somit haben alle drei Figuren etwas gemein: sie wollen ihre Kinder in eine von ihnen bestimmte Richtung lenken. Sie alle müssen erst lernen, ihre Kinder loszulassen. Die Eltern-Sohn-Beziehungen sind gewissermaßen eine Metapher für den Umgang mit den Bienen. An mehreren Stellen verwendet die Autorin Wörter wie „Zähmen“ im Zusammenhang mit der Imkerei. Erst zum Ende wird den Bienen Freiheit gewährt. Es lässt sich also sagen, dass die Autorin dafür plädiert, die Natur und die Bienen, wieder mehr sich selbst zu überlassen – nicht zu versuchen, sie zu zähmen. 

Insgesamt ist „Die Geschichte der Bienen“ ein Buch, dessen Aufbau, aber auch Inhalt klug durchdacht sind. Es kommt ohne actionreiche Dramatik aus. Vielmehr ist es eine Geschichte, die ohne direkten Fingerzeig, aber doch mehr als deutlich erzählt, wie wir mit unserer Erde umgehen und wohin dies führen könnte. Ich persönlich habe durch dieses Buch die Bienen noch ein ganzes Stück mehr zu schätzen gelernt.

Eine Notiz am Rande

Wer mir schon länger folgt, dem/der wird sicherlich aufgefallen sein, dass ich mich immer mehr von einer zu sehr wertenden Meinung entferne. Grund dafür: ich weiß mittlerweile, wie viel Arbeit und Herzblut in jedem einzelnen Buch steckt. (Beinahe) niemand verdient es, dass das Buch schlecht gemacht wird. Statt einer subjektiven, urteilenden Meinung, will ich also versuchen, zu analysieren, was der jeweilige Autor bzw. die jeweilige Autorin anders als andere gemacht hat. Wodurch sticht das Werk hervor? Sicherlich werde ich nicht vollkommen unkritisch analysieren. Aber ich sage es mal so: Für Bücher, die ich persönlich nicht gelungen finde, mache ich mir nicht die Mühe, einen Blogbeitrag zu schreiben. 😉 Denn die Beiträge sollen nicht nur zur Leseinspiration dienen, sondern auch als Sammlung für Schreibtechniken und Gestaltungsweisen.

Das bedeutet: am Ende der Reviews gibt es keine Kaufempfehlung oder gar Warnung. Wenn dieser Artikel zur Geschichte der Bienen trotzdem zum Lesen und eventuell sogar zum Mitdiskutieren anregt, freut es mich natürlich sehr. In diesem Sinne: Lest schön!

Andere Buchvorstellungen zum Weiterlesen: Der Report der Magd von Margaret Atwood oder QualityLand von Marc-Uwe Kling

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