Vorgestellt: “Ich und die anderen” von Matt Ruff

Andrew Gage muss jeden Morgen mehr Zeit einplanen als andere Menschen. Schließlich möchte keiner seiner Hausbewohner zu kurz kommen. Andrew selbst gönnt sich zunächst einen halben Teller Rührei und einen Becher Kaffee. Danach bekommt Tante Sam eine Tasse Kräutertee und eine Scheibe Weizentoast mit Pfefferminzgelee. Drängelnd steht Adam hinter ihr. Er besteht auf sein halbes Toastbrötchen und eine Scheibe Bacon. Jake freut sich an diesem Morgen über Cheerios und ein Glas Orangensaft. Das Besondere an dieser Gemeinschaft: sie leben alle in Andrew Gage´s Kopf. So beginnt eines der bewegendsten und zugleich lustigsten Bücher, die ich in den letzten Wochen gelesen habe. Die Rede ist von “Ich und die anderen” von Matt Ruff.

 

“Ich und die anderen” – über Ordnung und Chaos

Es ist gar nicht so einfach den Bedürfnissen aller Bewohner in Andrew Gage´s Kopf gerecht zu werden. Andrew hat eine multiple Persönlichkeitsstörung, doch mit der Hilfe einer Psychologin hat er es geschafft seine Seelen zu sortieren und ihnen einen Haus in seinem Kopf zu bauen, in dem jeder seinen Platz gefunden hat. Nur durch eine strenge Hausordnung kann Andrew den Alltag meistern. Es herrscht ein stabiles Gleichgewicht. Bis seine Chefin Julie für ihre Firma, die sich mit virtueller Realität beschäftigt, die junge Penny Driver einstellt. Penny, die sich selbst Mouse nennt, ist ebenfalls multipel. Doch im Gegensatz zu Andrew weiß sie noch nichts von ihren anderen Ich´s. Ordnung und Chaos treffen aufeinander. 

Penny´s Seelen drängen Andrew dazu, ihr zu helfen. Ganz vorn dabei sind die gern fluchende Maledicta und die nicht minder gewalttätige Malefica. Sie drohen Andrew mit Gewalt, sollte er Mouse nicht helfen. Die kämpft nämlich mit den Nebenwirkungen der Persönlichkeitsstörung. Immer, wenn eine Seele die Oberhand gewinnt, fällt ihr Bewusstsein in ein schwarzes Loch. Täglich hat sie mit Blackouts zu kämpfen. Praktischerweise scheinen die anderen Seelen ihr jedoch helfen zu wollen, denn sie findet nach jedem Blackout Listen und Notizen, die ihr von den “anderen” hinterlassen wurden.

Bei dem Versuch Mouse mit ihren verschiedenen Seelen zu helfen, gerät Andrews eigenes Gleichgewicht stark ins Schwanken. Schnell stößt er auf dunkle Ecken in seinem Haus, die sich noch nie zuvor jemand genauer angesehen hat. Um Licht ins Dunkel zu bringen, bleibt den beiden nur sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Auf ihrer Reise zu dem Grund ihrer multiplen Persönlichkeit fahren die beiden quer durch Amerika und werden am Ende mit ihren traumatischen Kindheitserinnerungen konfrontiert. Und plötzlich stellt sich die Frage, ob Andrew selbst vielleicht ein Verbrechen begangen hat…

 

 

Das Wichtigste auf einen Blick: 

GenrePsychologie-Fiktion, Humor
AutorMatt Ruff
Erscheinungsjahr (deutsche Ausgabe)2006 (Verlag: dtv)
Seitenanzahl720
AuszeichnungenJames Tiptree, Jr. Award, Washington State Book Award, Pacific Northwest Booksellers Association Award

 

Erster Satz:

Mein Vater rief mich heraus.

 

Über den Autor

Matt Ruffs Bücher können mit einer Sache nicht dienen: Langeweile. Der 1965 in New York City geborene Autor verbindet in seinen Geschichten gekonnt verschiedene Genres miteinander und schafft so eine spannende Komposition aus interessanten Themen, schrägem Humor, gepaart mit viel Gefühl. Schon sein Erstlingswerk “Fool on the Hill” (1988) entwickelte sich schnell zu einem Geheimtipp. Auch seine folgenden Romane fanden bei seinen Lesern sehr guten Anklang. Für “Ich und die anderen” und den folgenden Roman “Bad Monkeys” erhielt Ruff mehrere Literaturpreise. Momentan lebt und arbeitet der Autor mit seiner Frau in Seattle.

Bisher erschienene Bücher: 

  • Fool on the Hill
  • G.A.S. Die Trilogie der Stadtwerke
  • Ich und die anderen
  • Bad Monkeys
  • Lovecraft Country

 

“Ich und die anderen” – Mehr als eine Geschichte

Mit “Ich und die anderen” hat Matt Ruff ein Buch geschaffen, das unglaublich vielschichtig ist. Er führt seinen Leser an das hochsensible Thema so gekonnt heran, dass jeder Leser eine Vorstellung davon bekommt, was es heißt multipel zu sein. Damit es nicht zu ernst wird, baut Ruff an den richtigen Stellen immer wieder irrwitzige und ironische Szenen mit ein. Nur zum Ende hin wird die Stimmung sehr bedrückend, aber schließlich ist das bei solch einem Thema nicht verwunderlich.

Der Autor schafft es jedem Charakter der Innenwelten seine eigene Stimme, seine eigenen Verhaltensweise zu geben, so dass auch bei schnelleren Wechseln klar ist, wer gerade den Körper lenkt. Die verschiedenen Seelen sind so unterschiedlich wie richtige Menschen. Einige durchgeknallt und liebenswert, andere abstoßend und Bauchschmerzen verursachend.

Selbst, als ich dachte es könne nichts mehr Überraschendes passieren, hat Ruff mich eines Besseren belehrt. Immer wieder hat er mich mit seinem Einfallsreichtum verblüfft und auf neue Pfade geschickt.

Ich kann dieses Buch nur jedem empfehlen! 

Von mir erhält “Ich und die anderen” von Matt Ruff fünf von fünf Donuts.

 

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